Die wunderbare Welt der Shinto-Schreine


In der japanischen Sakral-Architektur können die Eingangstore mit den doppelten Querbalken einem Europäer besonders auffallen. Bei uns in Europa finden sich Doppelbalken dieser Art fast nie. Wir bauen entweder Rundbögen oder Querbalken in Torelemente ein. In amerikanischen Filmen sieht man oft ähnliche Gebilde als Eingangselemente zu großen Farmen a la „Ponderosa“. Der Doppelbalken der japanischen Welt scheint einmalig zu sein. Oft bemerkt – nie gefragt. Heute geht der Text der Frage nach >>

Als Beispiel habe ich dieses Bild des Tores zum Heian Schreins ausgewählt.



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Stargate zu den Göttern

Groß sieht er aus und er wirkt sehr schon in diesem leuchtenden Rot. Ich muss an dieser Stelle mich gleich berichtigen. Es handelt sich um das Tor zu einem Shinto-Schrein. Die Anlage selbst befindet sich dahinter.

Warum also haben japanische Tempeltore zwei Querbalken?
Die Tore sind in der Mehrzahl aus Holz oder aus Stein gefertigt. Und die Farbe nennt sich Zinnoberrot (*). Das Tor soll die Grenze markieren zwischen der Alltagswelt und der Welt des Heiligen. Diese Geisteshaltung findet sich im abendländischen Bereich ebenfalls. Die Kirchenportale beinhalten eine ähnliche Funktion. In Japan stehen die Tore halt im Freien, vom eigentlichen Gotteshaus getrennt.

Anscheinend besitzt jedes Tor dieser Art genau zwei Querbalken (*). Der Ursprung der japanischen Shinto Religion scheint in einer frühen Naturverbundenheit zu liegen. Möglicherweise haben frühe Vorfahren der heutigen Japaner ihre Gottheiten in „dichten“ Wäldern verehrt. Bäume galten als die Wohnsitze der Götter, und daraus entstanden später die typischen Tore mit ihren Querbalken.

Diese Herleitung lässt Erinnerungen an europäische Sagen über die Druiden aufkommen, die in und an Bäumen heilige Handlungen ausführten. Ein Leser kann sich automatisch fragen, ob in dieser Form der Animismus, die Verehrung von Naturgottheiten, weltweit ähnlich verankert ist.

Die einzigen Vergleiche von querliegenden Bauelementen, die mir in diesem Moment einfallen, sind die Dolmen in Mitteleuropa mit ihren typischen waagerechten Deckplatten, die auf zwei Tragsteinen ruhen. Auch sie könnten als eine Art „Portal“ zu einem heiligen Ort (in der Unterwelt?) aufgefasst werden.



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Zinnoberrot deckt gut ab

Was bedeutet dieser Farbton? Es handelt sich ursprünglich um eine Mineral (*). Es soll eine Art Quecksilber-Erz darstellen. Manchmal wird für den Farbton auch die Bezeichnung „Scharlachrot“ verwendet. Die „Farbe“ wurde in China erfunden. Dort mischten findige Menschen Quersilber und Schwefel und schufen das „Chinesisch Rot“ (*). In Europa wurde es gern für Wandmalereien verwendet. Zinnoberrot soll eine gute Deckkraft besitzen. Wahrscheinlich wurde es deshalb für die religiös wichtigen Eingangsportale zu den Shinto-Schreinen verwendet.

Ein erstes Resümee:

Open end

Als erstes Ergebnis dieser kurzen Recherche liest sich zufriedenstellend.

  • Die Tore zu den Shinto-Schreinen haben eine stilistische Vergangenheit in der Götterverehrung von Bäumen. 
  • Das Zinnoberrot deckt gut ab. 
  • In Europa lassen sich mit etwas Einfallsreichtum gewisse Parallelen zur japanischen sakralen Kultur erkennen.

Ist die Welt der japanischen Tempeltore wunderbar? Die Parallelen wenn man sie zulässt, können einen Betrachter schon verwundern.
Es ist immer wieder interessant einmal über den kulturellen Zaun zu schauen.

Offene Punkte. Was ist ein Schrein?(Text siehe weiter unten)

Offene Punkte. Forest bathing im heiligen Schrein (Text siehe weiter unten)



Was ist ein Schrein?

Ein Behälter in einem Gotteshaus wird als Schrein bezeichnet (*). Oft befinden sich darin die Gebeine oder ähnliche sterbliche Überreste von Heiligen und anderen verehrten Personen. Der Dreikönigsschrein im Kölner Dom ist bei uns bekannt. Die Schreine sind oft reich verziert und mit Flügeltüren ausgestattet.

 

In der japanischen Shinto Religion wird dagegen der gesamte Kultort als Schrein bezeichnet (*). Für die Aufbewahrung der Reliquien wird eine andere Bezeichnung verwendet. Eine direkte Übersetzung der Vorstellungswelt ins Deutsche scheitert an den grundsätzlich unterschiedlichen Weltbildern der Kulturen (*).

Dies ist ein interessanter Aspekt. Ein europäischer Leser kann es so verstehen, dass der Shintoismus Naturgeister und die Seelen der Verstorbenen verehrt (*Kami). In den abendländischen Religionen werden dagegen Gottheiten angebetet.
Die japanische Version der Weltsicht ist insofern interessant, als für die keltische Kultur eine ähnliche Ahnenverehrung berichtet wird. Man kann das Thema weiterverfolgen.

 

 

(*) Textquelle: Wikipedia/ Schrein, /Kami



Forest bathing am Wäldchestag

Der Grund für die Anlage von Shinto Schreinen könnte mit der Erzeugung von einem Wohlgefühl an einem bewaldeten Ort zusammenhängen.
In jüngster Zeit macht der Begriff vom „forest bathing“ in den Medien die Runde. Ein „Waldbad", ein Spaziergang im Wald, tut der Seele gut, so kann der Leser die Quintessenz wissenschaftlicher Untersuchungen zu diesem Thema verstehen. Wie kann das sein?
Offenbar nimmt der Mensch über seine fünf Sinne und über die Intuition Informationen über seine Umwelt auf, die sein Nervensystem und sein Bewusstsein in ein wohltuendes Gleichgewicht bringen.
Die Erbauer der Shinto Schreine und ihre keltischen Brüder im Geiste haben demnach ein entsprechendes Waldstück für den Ruhesuchenden gekennzeichnet. Shinto als „der Weg der Götter“, wie Wikipedia diesen Ausdruck interpretiert (*), lässt sich in diesem Sinne buchstäblich übersetzen.
Der Frankfurter Wäldchestag kann im weitesten Sinn wie eine hessische Variante vom traditionellen „Weg der Götter“ erscheinen.